Der geneigte Leser mag sich ob der Überschrift ungläubig die Augen reiben und sich fragen, ob das überhaupt geht: Auswärtssieg dahoam?
Ja, das geht tatsächlich, und das kam so: In der A-Klasse im Schachkreis Zugspitze hatte unsere 2. Mannschaft heute am 4. Spieltag eine Auswärtsbegegnung gegen die Schachfreunde von TV Tegernsee III zu bestreiten. Beziehungsweise: hätte zu bestreiten gehabt. Denn den Tegernseern stand heute heute ihr Spiellokal in der Turnhalle von Waakirchen nicht zur Verfügung, weil dort ein Hallen-Fußballturnier ausgetragen wurde. Man kann sich den abträglichen Einfluß des dadurch naturgemäß entstehenden stundenlangen Lärms auf die beim Schachspielen nun mal notwendige stille Konzentration lebhaft vorstellen; und so war es klar, dass die Gastgeber dies weder uns noch sich selbst zumuten wollten. Daher verlegten wir einvernehmlich die Partie in unser Spiellokal in Wolfratshausen, spielten aber natürlich trotzdem mit Auswärts-Farbverteilung.
Die Sache mit dem Spiellokal war aber leider nicht die einzige Kalamität, die die Tegernseer an diesem Wochenende zu erdulden hatte; ganz kurzfristig hatte deren Mannschaftsführer Stefan Hedler auch noch zwei krankheitsbedingte Absagen bekommen, und so traten unsere Gäste, die eigentlich die Heimmannschaft waren, ein wenig bedröppelt mit nur vier Spielern statt der üblichen sechs im Bürgerhaus in Weidach an, was uns schon vor dem Andrücken der Uhren eine kampflose 2:0-Führung bescherte.
Niels Hamann (unser 1. Brett) und David Prassas (unser 3. Brett) ließen sich von den fehlenden Gegnern aber keinesfalls die Sonntagslaune verderben, und spielten statt der erwarteten Liga-Partie einfach eine freie Turnierpartie miteinander. Das ist wahre Schachliebe!
So wurden also nur vier „ernste“ Partien ausgetragen, und bei denen ging es dann Schlag auf Schlag. Am vierten Brett erwischte Robert Weiß leider einen groben Fehlstart, und mußte sich bereits nach wenigen Zügen geschlagen geben. Auch Svea Jannicke (Brett 6) lieferte sich mit ihrem ebenfalls jugendlichen Gegner eine wahre Schnellpartie. Nach einer halben Stunde stand bereits ein materiell ausgeglichenes Doppel-Turmendspiel auf dem Brett, bei dem Svea aber immer etwas aktiver und besser stand, dann mit ihrem König weit ins gegnerische Lager marschierte und erfolgreich einen Freibauern unterstützte. Damit war der Zwischenstand 3:1 für Wolfratshausen.
Länger spielen durfte am fünften Brett unser Mannschaftskapitän Alexander Hörl. Er startete als Weißer in geschlossener Stellung einen Bauernangriff auf die gegenerische Königsstellung. Schwarz opferte einen Springer für zwei Bauern, bekam aber keine ausreichende Kompensation dafür, spielte jedoch in verlorener Stellung weiter bis er in eine Springergabel lief und aufgab. Hier das Schlußfragment der Partie:
Nun stand es also 4:1 für Wolfratshausen und damit war der Mannschaftskampf entschieden.
In der letzten laufenden Partie am zweiten Brett, die, soviel sei schon verraten, überaus kurios mit einem akuten Anfall beiderseitiger hochgradiger Schachblindheit endete, wollte Wayne Nelson mit Weiß noch einen Ehrenpunkt für die Tegernseer holen. Er stand auch gegen Peter Schneider besser im Endspiel, aber ließ sich von Peters hochgradiger Zeitnot anstecken. Peter stellte in schwieriger Stellung und mit nur noch 30 Sekunden auf der Uhr mit 39. … Tc8 eine gar nicht mal besonders raffinierte Falle, in die der Weiße dann auch prompt hineintappte: eine Springergabel mit Schach kostete ihn einen ganzen Turm, aber seht selbst:
Danach hätte Wayne eigentlich aufgeben können! Aber was macht er stattdessen? Wohl noch unter dem Schock seines Patzers und vermeintlich weiter andauernder Zeitnot zieht er im 42. Zug (!) seinen König vom Schach auf c2 ins Schach auf b3!
Und was macht Peter daraufhin? Peter sieht es nicht, reklamiert es nicht, sondern schlägt stattdessen einfach den mühsam „erschwindelten“ Turm… Und von den umstehenden Kollegen, die natürlich nichts hätten sagen dürfen, sah es wohl auch keiner, denn es hat keiner einen Hustenanfall bekommen.
Und so spielten beide dieses Endspiel, Peter mit Mehrturm, noch munter und unter Aufbietung aller restlichen geistigen Kräfte bis zum 59. Zug weiter, ehe Weiß in einer total verlorenen Stellung mit zunächst einem Minusturm, und zuletzt Minusqualität und den von Schwarz (so scharfsinnig wie es die widrigen Umstände gerade noch erlaubten!) entschärften weißen Damenflügelbauern, die nichts mehr ausrichten konnten, schließlich doch noch die Waffen strecken mußte. Hier der Rest als separates Partiefragment:
Dieser wirklich kuriose Umstand der illegalen Stellung im 42. Zug wurde von Peter erst zuhause beim Eingeben und Analysieren der Partie bemerkt: denn natürlich läßt die Schachdatenbank-Software die Eingabe des regelwidrigen 42. weißen Zugs von Wayne nicht zu, und somit konnte die Restpartie auch nicht im gleichen Datensatz elektronisch erfaßt werden. Aber irgendwas ist ja immer!
Zusammenfassend läßt sich sagen: 5:1 für Wolfratshausen II an einem winterlich kalten, in jeder Hinsicht denkwürdigen Spieltag, und auf dem Weg nach Hause war im Bus 376 auch noch die Heizung ausgefallen, sodaß Euer Berichterstatter Peter, noch voll mit Adrenalin ob des aufregenden und auch etwas glücklichen Partieverlaufs, sich auch noch den Allerwertesten abfror!
Die vollständige Spieltagsübersicht gibt es auf der Seite vom Schachkreis Zugspitze.